Kameradschaft als Kitt – Zukunft der Feuerwehr

12. Februar 2021
LFV Bayern Freiwillige Feuerwehr Bayern

Nicht nur die Corona-Pandemie, auch die sich wandelnden gesellschaftlichen Entwicklungen bringen Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen in Bayern zunehmend an ihre Grenzen. Über die aktuelle Situation und Antworten für die Zukunft diskutierten Experten und Abgeordnete im Innenausschuss.

Ob die Bergung von Schwerverletzten nach einem Unfall, das Löschen eines brennenden Heuballens oder die Beseitigung von Ölspuren – regelmäßig rücken die Jugendlichen der Freiwilligen Feuerwehren in Bayern mit ihren Übungsleitern zu nachgestellten Einsatzorten aus, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Doch aufgrund der Corona-Pandemie ist der reguläre Übungs- und Ausbildungsbetrieb derzeit nicht möglich. Die Belastungen durch die aktuelle Krise wirken sich daher besonders auf die Kinder- und Jugendfeuerwehren sowie die Nachwuchswerbung aus.

Alternative Ausbildungsmethoden

Über diese Problematik, aber auch die allgemeine Situation und die Zukunft der Feuerwehr in Bayern diskutierten im Rahmen einer Expertenanhörung die Teilnehmer im Ausschuss für Kommunale Fragen, Innere Sicherheit und Sport. Sie waren sich darin einig: Anstrengungen sind von allen Seiten erforderlich, um die entstandenen Defizite schrittweise wieder zu kompensieren. „Der innere Kitt der Feuerwehr ist die Kameradschaft und diese leidet aktuell im Bereich der Übungen und Ausbildung“, stellte Johann Eitzenberger, Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbands Bayern e.V., fest. Er begrüßte, dass eine Bedarfsanalyse im Rahmen einer gemeinsamen Projektgruppe vom Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration und dem Landesfeuerwehrverband Bayern vorgesehen ist. Wolfgang Schäuble, Leiter der Branddirektion München, empfahl den Einsatz alternativer Schulungsmöglichkeiten wie E-Learning oder Virtual Reality. So könnten Freiräume für Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren geschaffen und die entsprechenden Ausbildungen praxisgerecht verkürzt werden. Die Ausbildungssituation in Städten mit Berufsfeuerwehr bewertete er grundsätzlich als positiv.

Höhere Fördersätze

Wilfried Schober, Direktor des Bayerischen Gemeindetages, bezeichnete die Feuerwehren als „Stabilitätsanker in den Kommunen“. Für die Finanzierung des Sachaufwands forderte Schober, die staatlichen Fördersätze von derzeit 27 Prozent auf mindestens 33 Prozent anzuheben. Die Freiwilligen Feuerwehren stehen ihm zufolge derzeit vor drei zentralen Herausforderungen: der Demografie, der Technisierung der Ausstattung und der Tatsache, dass Wohn- und Arbeitsort der Menschen weiter auseinander fielen und die Freiwilligen Feuerwehrleute damit im Einsatzfall nicht einfach zu alarmieren seien. Das größte Übel aus Sicht der Gemeinden sei die Ausschreibung von Feuerwehrausrüstung, insbesondere von Feuerwehrfahrzeugen. Um diese für die Gemeinden zu erleichtern, empfahl Schober Unterstützung von den Bezirksregierungen. Sie sollten entsprechende Aufgaben übernehmen oder zumindest unterstützend zur Verfügung stehen, damit Gemeinden nicht auf spezialisierte Ingenieursbüros aufgrund des komplizierten Vergaberechts zurückgreifen müssten. Dieser Initiative stimmte Norbert Thiel, ehrenamtlicher Kreisbrandrat und stellvertretender Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbands Bayern e.V., zu. Andreas Wührl, Kreisbrandrat des Kreisfeuerwehrverbands Tirschenreuth, empfahl Kommunen, standardisierte Ausschreibungsunterlagen zur Verfügung zu stellen.

Aufmerksamkeit für Feuerwehrfrauen

Andrea Fürstenberger, Landesfrauenbeauftragte des Landesfeuerwehrverbands Bayern e.V., bezog sich auf den geringen Frauenanteil von zehn Prozent Feuerwehrfrauen und einem Prozent Frauen in Führungspositionen in der Feuerwehr. Um mehr Frauen zu gewinnen, müssten sie direkt angesprochen werden. So könnten aktive Feuerwehrfrauen für Interessierte sichtbarer werden. Grundsätzlich stimmten die Experten darin überein, dass die Feuerwehrdiensttätigkeit für Ehrenamtliche attraktiver gestaltet werden müsse – sowohl was den Zeitrahmen als auch was die Vereinbarkeit mit Familie betreffe. Eitzenberger führte in dem Kontext Möglichkeiten auf wie Anerkennungsprämien bzw. Feuerwehrrente nach dem Vorbild von Hessen oder Thüringen. „Für Bayern gilt es, ebenfalls ein tragfähiges, finanzierbares Modell zu entwickeln“, forderte er. Auch Schäuble erläuterte, dass die Feuerwehrangehörigen die Abgrenzung gegenüber anderen Ehrenämtern und teilweise auch die Anerkennung ihrer Leistung als unzureichend empfänden.

Beitrag zur Integration

Prof. Dr. Doris Rosenkranz, Sprecherin der Hochschulkooperation Ehrenamt an der Technischen Hochschule Nürnberg und Vorstandsmitglied der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern, betonte, dass die Feuerwehr einerseits elementar sei für die Daseinsvorsorge, aber auch einen Beitrag zur Integration leiste. Sie führte den Ehrenamtskongress Bayern 2021 als Teil der Engagementstrategie der Staatsregierung auf.

In der anschließenden Diskussion mit den Abgeordneten begrüßte Joachim Hanisch (Freie Wähler), dass sich die Zusammenarbeit verschiedener Feuerwehren verbessert habe und Rivalitäten nicht mehr wie in früheren Zeiten existierten. Stefan Schuster (SPD) warf die Frage auf, welcher Sanierungs- und Anschaffungsbedarf derzeit bei der Feuerwehr bestehe. Wührl legte dar, dass der Bedarf im Bereich der energetischen Sanierung besonders hoch sei. Norbert Dünkel (CSU) fragte, wie Migranten verstärkt den Weg in die Feuerwehr finden könnten. Schäuble erwiderte, dass die Gewinnung von Feuerwehrangehörigen mit Migrationshintergrund komplex sei. Er empfahl, den Kommunen und Feuerwehren dazu wissenschaftlich erarbeitete Konzepte an die Hand zu geben.

Begeisterung durch Kinderfeuerwehren

Katharina Schulze (Grüne) erkundigte sich danach, wie mehr Frauen den Weg zur Feuerwehr finden könnten. Schober empfahl, im Rahmen von Bürgerversammlungen und Bürgersprechstunden Frauen gezielt anzusprechen. Richard Graupner (AfD) fragte, wie groß das angefallene Ausbildungsdefizit sei. Wührl sah vor allem einen großen Nachholbedarf im Bereich der Lehrgänge. Alexander Muthmann (FDP) erfragte, wie es mit dezentralen Ausbildungsmethoden aussehe. Eitzenberger bezog sich in dem Zusammenhang auf eine gemeinsame Projektgruppe, die zum Ziel habe, die Ausbildung vor Ort mit staatlicher Unterstützung zu stärken. Marcel Huber (CSU) – ebenfalls Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr – lenkte den Blick auf die Bedeutung der Kinderfeuerwehren: „Die Werbung für die Feuerwehr kommt von innen heraus. Deshalb ist eine frühe Begeisterung für die Sache notwendig.“ Ausschussvorsitzender Dr. Martin Runge stellte abschließend fest, dass einer der zentralen Aufgabenschwerpunkte in Ausbildung und Fortbildung liege. In diesem Bereich müssten künftig alle Kräfte gebündelt werden.

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