45 Jahre Gefahrgut der FF Waging am See
5 Jahre Gefahrgut-Einheit FF Waging
Die Feuerwehr kommt, wenn es brennt oder wenn eingeklemmte Personen bei Verkehrsunfällen gerettet werden müssen. Diese Szenarien hat wohl jede Bürgerin oder jeder Bürger gedanklich im Kopf, wenn die Feuerwehr mit Blaulicht an ihm vorbeifährt. Auch die in jedem Kinderbuch abgebildete und geradezu unvermeidliche Katzenrettung vom Baum ist allseits bekannt. Ein spezielles Einsatzgebiet sind jedoch Einsätze in Verbindung mit gefährlichen Stoffen und Gütern. Diese umfassen das Erkennen, Eindämmen oder Beseitigen von atomaren, biologischen und chemischen Gefahren. Die Schadenslagen reichen dabei von Straßenverschmutzungen von ausgetretenen Flüssigkeiten bis zum mehrtägigen Großeinsatz. Zu einer kleinen Jubiläumsfeierlichkeit kam es daher kürzlich im Waginger Feuerwehrhaus, um diesen besonderen Geburtstag zu feiern. Schließlich gehören diese Spezialeinsätze seit nunmehr 45 Jahren auf die Tagesordnung der heimischen Feuerwehr. Seit fünf Jahren übt regelmäßig die „Fachgruppe Gefahrgut“. Mit den Kommandanten Michael Schramke und Sebastian Kamml trafen sich das derzeit rund 10 Personen fassende Gefahrgut-Team. Darunter Zugführer, Gruppenführer, aber auch Einsatzkräfte, welche sich auf diese Art der Einsätze in Waging spezialisierten. Neben Gefahrgutbeauftragten Martin Pöllner gehören Oliver Böhr, Maximilian Danzl, Klaus Haslberger, Alexander Huber, Tim Kunisch, Alois Maier, Florian Metzger, Thomas Pfeffer und Paul Seehuber dieser Gruppe an. Im Rahmen dieses Jubiläums kam es auch zu einem geschichtlichen Rückblick über dieses Spezialgebiet bei der Feuerwehr.
Einsätze
Grundsätzlich kann jede Feuerwehr zumindest bei Erstmaßnahmen mit einer Grundausstattung bei Gefahrguteinsätzen eingesetzt werden. Die GAMS-Regel ist dabei eine zentrale Merkregel für die ersten Maßnahmen bei Gefahrgutunfällen. GAMS steht für: Gefahr erkennen, Absperren, Menschenrettung und Spezialkräfte anfordern. Mit dieser Regel können erste Maßnahmen eingeleitet, Einsatzkräfte geschützt und Menschen und Tiere gerettet werden. Bei der Freiwilligen Feuerwehr Waging am See wurden bereits vor Jahrzehnten diese Gefahren erkannt und die richtigen Weichen in der Ausbildung und Beschaffung von Fahrzeugen und Geräten gestellt. Federführend waren dabei die beiden Kommandanten Alois Pfeffer und Anton Schmid in Zusammenarbeit mit der damaligen Führungsmannschaft der Waginger Feuerwehr.
Bereits 1967 wurde die Transalpine Ölleitung TAL vom Hafen in Triest (Italien) bis nach Lenting bei Ingolstadt gebaut. Nähe Kitzbühel kreuzt diese den Fluss Tiroler Achen. Im Störfall hätte dies auch Auswirkungen auf den Chiemsee. Tätigkeiten und Ausbildung im Umweltschutz wurden schon Anfang der 1970-er Jahre in Bayern fokussiert. Bereits im Jahr 1974 wurde der FF Waging am See ein Katastrophenschutzboot (K-Boot) für Einsätze auf dem Waginger- und Tachinger See, dem Chiemsee und der Salzach zur Verfügung gestellt. Der Landkreis Traunstein stationierte 1981 bei der Feuerwehr Waging einen Ölschadensanhänger (ÖSA) und 120 Meter Ölsperren (Tauchwandsperren Typ Nolte). Auch im Hinblick auf das große Tanklager am Waginger Bahnhof für Ottokraftstoffe, Diesel und Heizöl mit einer Kapazität von 800 m³, Kesselwagenversorgung und LKW-Transport wurden die Aufgaben der Feuerwehr im Umweltschutz immer größer.
In den 1980-er Jahren wurde in Bromberg in der benachbarten Gemeinde Taching am See eine Erdgasförderanlage in Betrieb genommen. Eine heimische Molkerei ersetzte im Jahr 1996 eine Eiswasseranlage durch ein neues System mit Eiswassertank. In diesem System befinden sich 5 000 Kilogramm Ammoniak. Später kamen noch eine zweite, kleinere Ammoniak-Glykol-Anlage für die Kühlung eines Versandlagers hinzu. Auch Reinigungs- und Desinfektionsmaterial ist vorhanden. Im Dezember 2012 wurde dann der „Ettendorfer Tunnel“ in der Gemeinde Surberg eröffnet. Dadurch konnte auch der Schwerlastverkehr, welcher vorher eine Eisenbahnunterführung nicht passieren konnte, die Staatsstraße 2105 nach Waging nutzen. Ein großer Teil der Gefahrgut-LKW zu den Chemiestandorten Wacker Burghausen und Infraserv Gendorf in Burgkirchen fährt somit auch über das Gebiet der heimischen Marktgemeinde im Rupertiwinkel.
Dies waren Entscheidungen bei der Führung der Feuerwehr dafür Vorkehrungen zu treffen. Wie wichtig dies war, erwies sich bereits 1982 bei einem Großeinsatz im Waginger Ortsteil Fisching, bei dem es in der damaligen Kläranlage zu einem Heizöleintritt von rund 10 000 Liter kam. Weitere Einsätze waren unter anderem Tankwagenunfälle, Ölalarme auf dem Waginger- und Tachinger See, sowie den umliegenden fließenden Gewässern wie der Salzach und vieler Bäche, ein Flugzeugabsturz auf dem zugefrorenen Waginger See, Gasexplosionen, abgerissene Gasleitungen und Bränden von Biogasanlagen und Chemikalienaustritte bei diversen Firmen im Umkreis.
Ausrüstung
Die „Wurzeln“ liegen dabei schon in der Einführung von sogenannten „Schweren Pressluftatmern (PA), welche als Ausrüstung im damaligen Tanklöschfahrzeug (TLF 16, Baujahr 1971) in Dienst gestellt wurden. Im Löschgruppenfahrzeug (LF 8 Allrad, Baujahr 1978, nach „Beladeplan II“ mit einer Ausrüstung zur Technischen Hilfeleistung) führte bereits Auffangbehälter mit. Ein Ölschadensanhänger (ÖSA) wurde nach der Baurichtlinie Bayern bereits seit den 1960-er Jahren flächendeckend eingeführt. Im Jahr 1981 kam ein derartiger Anhänger (Baujahr 1964) auch nach Waging, welcher vorher bei der FF Pfaffenhofen a. d. Ilm stationiert war. Hinzu kam, dass das neue Bayerische Feuerwehrgesetz, welches am 1. Januar 1980 in Kraft trat, besagte, dass nun neben dem „Abwehrenden Brandschutz“ auch der „Technische Hilfsdienst“ zu den Pflichtaufgaben der Städte und Gemeinden, und somit auch zu den Freiwilligen Feuerwehren gehörte. Somit also der offizielle „Startschuss“ für die Waginger Gefahrguteinheit.
Das Thema „Gefahrgut“ hat bei der Waginger Feuerwehr seit jeher einen sehr hohen Stellenwert und wird auch regelmäßig geübt. In Gruppenausbildungen, Einsatzübungen, Gefahrguttagen und Sonderausbildungen wird dieses spezielle Wissen erlernt und gefestigt. Weiter gibt es auch diverse Lehrgänge an den Staatlichen Feuerwehrschulen in Geretsried, Regensburg und Würzburg, beim BBK-Bund und auf Landkreisebene. 1983 übernahm Bernhard Geierstanger die Fachbereichsleitung Ölschadensbekämpfung und organisierte auch einen Sonderlehrgang „Verhalten bei Gefahrgutunfällen“ in Waging. Die sogenannte „Technische Gruppe“ unter der Leitung von Maximilan Bogner und Heinz Huber baute 1996 einen neuen Anhänger für das Material des bisherigen Ölschadensanhängers und einer zusätzlichen Beladung für Mineralölunfälle und Einsätze mit chemischen Stoffen. Seit 2003 kümmert sich Martin Pöllner um diesen Bereich und übernahm 2008 die Fachbereichsleitung. 2011 konzipierte er den aktuellen Umweltschutzanhänger, auf dem vielseitiges Material für Gefahrenlagen mit chemischen Stoffen verlastet ist. Der Ausrüstungsumfang gleicht nahezu dem eines Gerätewagens-Gefahrgut. Das Material ist auf Rollwägen verlastet, welche gezielt entnommen und an die Einsatzstelle verbracht werden.
Zur Ausstattung des Gefahrgutanhänger gehören:
Abdichten, Absperren, Erden:
Absperrmaterial, Kennzeichnung, Rohrdichtkissen, Tankdichtkissen, Pfropfen aus Holz und Kunststoff, Dichtmasse, Densobinden, Erdungsmaterial Dinse, Werkzeug.
Dekon:
Ausrüsten für den Aufbau und Betrieb einer Dekonstelle der Stufe 2
Umpumpen:
Gefahrgutumfüllpumpe GUP, Ex-geschützte Leitungsroller, Handmembranpumpe, Fasspumpe mit Pumpwerk aus Edelstahl und Kunststoff, Armaturen aus Edelstahl, chemikalienbeständige Saug- und Druckschläuche
Auffangen:
verschiedene Behälter aus GFK, selbstaufrichtender Faltbehälter für Chemikalien mit 5 000 Liter Fassungsvermögen, Abdeckplanen, Rinnen aus Edelstahl, Mulden und Eimer aus Edelstahl
Mineralöl:
Ausrüstung für Mineralölunfälle, Material aus dem Ölschadensanhänger
Wanne:
Kunststoffwanne 500 Liter, Vliese, Ölbinder, Chemikalienbinder, Bachölsperren
Aus- und Fortbildung:
Von den Feuerwehrangehörigen wurden viele Lehrgänge an den Staatlichen Feuerwehrschulen besucht, Ausbildungen auf Landkreisebene absolviert und an Fortbildungen teilgenommen. Auch findet immer wieder ein Austausch in Form von Gemeinschaftsübungen mit der FF Traunstein, dem Messzug Traunstein und Trostberg, sowie der FF Attel-Reithmering (Landkreis Rosenheim) statt. Ein weiterer Wissenstransport erfolgte beim Symposium ABC-Gefahren an der Universität in Siegen und der Schweizer Chemiewehrschule. Höhepunkte in der Ausbildung sind Übungstage bei den Werkfeuerwehren Infraserv Gendorf und Wacker Chemie Burghausen.
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Bericht:
Thomas Pfeffer, Pressesprecher FF Waging am See und Mitglied der Gefahrgutgruppe
Martin Pöllner, Gefahrgutbeauftragter und Ausbilder für die Landkeisausbildung KFV Traunstein
Fotos: Thomas Pfeffer, FF Waging am See