"Brandschutzerziehung und -aufklärung für und mit Menschen mit geistiger Behinderung"
Warum diese Zahlen am Anfang?
Man vergisst oft diese Menschen, die zum größten Teil in großen Heimen oder kleinen Wohngruppen leben.
Ein Beispiel:
Ein großes Heim für Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland, in den 70er Jahren gebaut. Nach rund 10 Jahren wurden Mitarbeiter des Heimes im „Vorbeugenden Brandschutz“ unterwiesen. So erkannte man, dass die rund 550 Mitarbeiter lernen sollten, wie sie sich im Brandfall verhalten sollen und wie sie vorbeugend einen Schadenfall verhindern können.
Auch wurden Großübungen von den Ortsfeuerwehren durchgeführt. Dabei bemerkte man, dass viele Bewohner Angst vor der Feuerwehr hatten; sie reagierten zum Teil mit Fluchtverhalten oder anderen Verhaltensauffälligkeiten. Man erkannte, dass auch mit diesen Menschen der „Vorbeugender Brandschutz“ betrieben werden muss.
„Das Fragwürdigste im Bereich der Geistigenbehindertenpädagogik ist die geistige Behinderung selbst“ (BACH 1968)
Es ist genauso sinnvoll, Brandschutzerziehung bzw. Brandschutzaufklärung mit Menschen mit geistiger Behinderung zu machen, wie auch im Kindergarten oder in der Grundschule. Menschen mit geistiger Behinderung sind nicht minderwertig bildbar, d. h. sie sind ganz gewiss in der Lage, Dinge zu lernen, aufzunehmen und sich zu merken.
„Menschen werden wohl mit einer Behinderung geboren, doch zum Behinderten werden sie erst später gemacht.“ (FEUSER 1980)
Es ist wichtig, Brandschutzerziehung gerade mit diesen Menschen durchzuführen. Bei ihnen sind die Ängste gegenüber der Feuerwehr und ihren Gerätschaften enorm groß; so haben sie meistens noch nie Kontakt mit ihnen gehabt.
Lernen Kinder im Kindergarten meistens schon die Feuerwehr kennen, bleibt den Menschen mit Behinderung gar so oft sein ganzes Leben, diese Erfahrung verwehrt.
Anzumerken ist an dieser Stelle dass die Mehrheit der Behinderungen durch Unfälle usw. (also postnatal- nach der Geburt) verursacht werden; der geringste Teil ist angeboren.
Die Brandschutzerziehung für und mit Menschen mit Behinderung sollte in einer kleinen Gruppe (Empfehlung max. 6 Personen) und immer in Zusammenarbeit und Anwesendheit einer pädagogisch ausgebildeten Fachkraft (Heilerziehungspfleger, Erzieher, Sozialpädagoge o. ä) stattfinden.
Brandschutzerziehung und -aufklärung kann nur dann gelingen, wenn man die Individualität des einzelnen Teilnehmer kennt und mit dieser umzugehen weiß. So ist eine intensive Vorbereitung mit dem Fachpersonal nötig. Fragen wie die Lese- und Schreibfähigkeit und auch die verbale Möglichkeiten der Teilnehmer muss vorher abgeklärt werden.
Stellen Sie sich mal vor, in einer Schulung schreibt ihr Dozent auf Japanisch etwas an die Tafel und sie sollen es vorlesen, erkennen bzw. mitschreiben? Würde Sie das nicht auch entmutigen und verwirren. So geht es oftmals den Menschen, die nicht lesen und schreiben können.
Deshalb ist bei der Brandschutzerziehung und -aufklärung sehr wichtig einfache, visuelle Hilfsmittel zu verwenden. Sehr gut geeignet sind hierbei reale Gegenstände, Bilder, Dias und Filme; angepasst an den geistigen Entwicklungsstand der Teilnehmer.
Menschen mit geistiger Behinderung kann man
sehr gut ansprechen, in dem man Dinge vorzeigt, mit denen sie in ihrem Berufs-
und Alltagsleben zu tun haben. Beispielsweise die Rohrschelle aus der
Werkstatt für Menschen mit Behinderung oder ein Bild eines Feuerlöschers, der
auf der Wohngruppe seinen Standort zeigt. All diese Dinge helfen dem
Teilnehmer, intensiv und interessiert mitzumachen und aufmerksam zu sein.
Wichtig ist eine verständliche, einfach Sprache und Wiederholung des
Gelernten.
Es ist kein Ziel, die Teilnehmer zu perfekten Brandschützern zu machen; auch
ist es nicht die Intension alle gesetzten Lernziele (Richtiger, umsichtiger
Umgang mit Feuer, Erkennen von Gefahren im Umgang mit Feuer, Abbau von
Ängsten, Richtiges Verhalten im Brandfall) zu erreichen. Es kommt nicht darauf
an in kürzester Zeit alles zu erreichen. So ist der Abbau von Ängsten durch
solch eine BE/BA ein enorm großer Erfolg.
Besonders wichtig ist auch die BE/BA mit einer kleinen Prüfung abzuschließen.
Diese muss meistens in mündlicher Form und individuell auf den Teilnehmer
abgestimmt, ablaufen. Selbstverständlich kann bei dieser Prüfung keiner
durchfallen; alle mit der BA/BE gesetzten Ziele würden dadurch wegfallen.
Bei der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung ist es wichtig, nie zu
vergessen, dass wir es mit erwachsenen Menschen zutun haben. Obwohl sich
sicherlich oftmals die Themen und die Methodik/ Didaktik, die der BE im
Kindergarten oder der Grundschule ähnelt, muss man sehr darauf achten.
Nicht umsonst ist aus der „Aktion Sorgenkind“ die „Aktion Mensch“ geworden, so
wurden aus den „Sorgenkindern“ von gestern Menschen von heute, die
selbstbestimmt ins Leben gehen und für unsere Gemeinschaft eine unendliche
Bereicherung sind.
20 Ratschläge im Umgang mit Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung bei der BE/BA
„Es ist völlig normal anders zu sein". Jeder Mensch hat seine Schwächen und Stärke und vor allem seine eigene Persönlichkeit!
- Den Faktor Zeit beachten (Vertrauensverhältnis durch Vorgespräche herstellen)
- In einfacher kindgerechter Sprache reden »» keine Babysprache.
- Möglichst alle Sinne mit einbeziehen (sehen, hören, riechen, schmecken, taste da manche Sinne nur reduziert oder gar nicht ausgeprägt sind.
- Bei der Vermittlung von Inhalten auf Anschaulichkeit achten
- (Dinge aus ihrer unmittelbaren Umwelt anbieten / zur Verfügung stellen).
- Verbrannte oder angebrannte Objekte mitbringen (bessere Veranschaulichung).
- Wenig ist oft mehr! - D. h. kleine Ziele stecken und methodisch durchführend verfolgen.
- Üben und Wiederholen ist wichtig und sollte in den
folgenden Wochen auch durch die
pädagogischen Betreuer wiederholt werden! - Mehr Praxis und wenig Theorie einbauen.
- Visuelle Überbeanspruchung vermeiden (z. B. durch das
Einschalten des Martinshorn).
Schon die Geräusche die durch einen Pressluftatmer erzeugt werden, können Probleme auslösen. - Die Brandgefahren dem täglichen Lebensablauf zuordnen
(z. B. Pfanne – heißes Fett – Schnitzel = Essenzubereitung). - Auch einfache Sachen sind oftmals nur begrenzt möglich z. B. das Merken der Notrufnummern
- Wechsel zwischen An- und Entspannungsphasen.
- Lob und Anerkennung immer wieder einbauen
(nicht übertreiben), gut Gemachtes mit Lob verstärken. - Kurze prägnante Arbeitsaufträge geben oder Fragen stellen.
- Die Schulung der Belastbarkeit der Behinderten
anpassen.
Die Aufnahmefähigkeit nimmt schnell ab! - In kleinen Gruppen arbeiten.
- Soviel Hilfe geben wie nötig, Selbstständigkeit ermöglichen - soviel wie möglich.
- Nicht von Äußerlichkeiten leiten lassen (z. B. von unkontrollierten Bewegungsabläufen).
- Menschen mit Behinderungen suchen oft auch den persönlichen Kontakt (z. B. durch Anfassen).
Behindert ... na und!
Die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen ist auch ein Schwerpunkt bayerischer Sozialpolitik. In Bayern leben etwa eine Million Menschen, die behindert sind. Die Bayerische Staatsregierung beteiligt sich mit einem eigenen Aktionsprogramm am Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen, das eine Vielzahl von Veranstaltungen und Aktionen in ganz Bayern vorsieht. Mit dem Aktionsprogramm soll das Wissen über die Lebenssituation behinderter Menschen vertieft, das gegenseitige Verständnis und ein selbstverständliches Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen gefördert werden, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben der Gesellschaft verbessert und die Breite des Hilfsangebots aufgezeigt werden. Im Folgenden stellen wir Umweltbildungseinrichtungen vor, die sich behinderter Menschen in besonderer Weise annehmen.
Feuer-Faszination &
Gefahr - Vorbeugender Brandschutz
Neuer Volkshochschulkurs für Menschen mit Behinderung in Eisingen im Landkreis Würzburg
- Wie kann ich einen Brand verhindern?
- Wie verhalte ich mich richtig wenn es brennt?
- Was muss ich machen, wenn der Fluchtweg verraucht ist?
- Wie alarmiere ich die Feuerwehr?
All diese Fragen wurden beim neuen Volkshochschulkurs „Feuer-Faszination & Gefahr“ sehr anschaulich beantwortet! Hintergrund dieses Kurs war, dass bei einigen Feuerwehrübungen (simulierter Brandfall) sich gezeigt hatte, dass manche Bewohner(innen) im St. Josefs-Stift, einem Heim für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Landkreis Würzburg, einfach überfordert waren bzw. sogar richtig Angst vor der Feuerwehr hatten.
Die Idee zu dem Kurs entstand, im Erwachsenenbildungsprogramm der Robert-Kümmert-Akademie GmbH der Volkshochschule Würzburg, im Fachbereich Behinderte / Nichtbehinderte. Die Lerninhalte umfassten nicht nur das Thema „Richtiges Verhalten im Brandfall" sondern auch das "Kennen lernen der Feuerwehr und ihrer Geräte“. Dadurch konnten den Teilnehmern auch die „Angst vor der Feuerwehr“ genommen werden.
Auf dem Programm stand des weiteren der Besuch der Berufsfeuerwehr Würzburg und die Alarmierung der Feuerwehr. Dafür hatten der Kursleiter Michael Langenhorst sowie der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Eisingen Stefan Hupp, sich eine Telefonanlage besorgt; sogar die Notrufnummer 112 musste dort gewählt werden, um einen Notruf abzusetzen.
Den Kursteilnehmern wurde auch gezeigt, welche Materialien überhaupt brennen können und wie man diese auch löschen kann. Ferner wurde besonders auf die Gefahren des giftigen Brandrauches hingewiesen. Eine kleine Prüfung in Theorie und Praxis mussten die Teilnehmer am Ende des 15-stündigen Kurses bewältigen. Bei erfolgreicher Teilnahme wurde eine Urkunde ausgestellt.
Ein
vor allen Dingen pädagogisch sinnvoller Kurs!
Sehr beeindruckend waren auch die Anmeldungsgründe die hinterfragt wurden. So
möchte eine Teilnehmerin bald aus dem Heim in eine eigene Wohnung ziehen und
wissen, wie man mit Feuer richtig und sorgfältig umgeht. Ein anderer
Teilnehmer hatte schon mal ein Feuer erlebt und wollte lernen wie man sich
richtig verhält.
Dieser Kurs ist nach unserem Wissenstand bisher einmalig. Er wird auch in den kommenden Semester fortgesetzt. Erwachsenenbildungsangebote erfüllen zudem neben ihrer Bildungsfunktion die Aufgabe, einen Ausgleich zum Beruf zu schaffen sowie zu einer sinnvollen und zugleich selbstbestimmten Freizeitgestaltung. Sie ermöglichen den Kontakt und den kommunikativen Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.
